Die Gewöhnliche Vogelmiere - Stellaria media

Gestatten mein Name ist Vogelmiere. Ein Vogel bin ich nicht und doch gibt es viele Namen, die mich mit dem Federvieh in Verbindung bringen. Im Volksmund werde ich auch Hühnerdarm, Hühnerabbiss, Gänsekraut, chickweed („Hühnerkraut“) im Englischen oder auf französisch mouron des oiseaux („Gauchheil der Vögel“) genannt. Für manche Kräuterkundige mag ich unscheinbar klein und zart sein, für manch einen Gärtner gar ein kraus. Zu gern wachse ich unermüdlich auf nährstoffreichen Böden unter Laubbäumen, auf brachliegenden Ackerböden, im Gemüsegarten und zwischen Mauerritzen. Sogar karge Böden halten mich nicht auf und so wuchere ich ebenso in Wiesen oder unter dem Gebüsch. Selbst klirrende Kälte und Schnee können mir nichts anhaben, ja manches Mal blühe ich sogar unter der dichten Schneedecke. So habe ich bereits mehrere Eiszeiten überlebt und mich in alten Tagen auf der ganzen Welt, von Pol zu Pol ausgebreitet. Dabei brauche ich gar nicht auf die Hilfe der lieben Insekten zu warten. In Notzeiten kann ich mich auch selbst bestäuben und so winzig ich auch sein mag, über 10.000 Samen in nur einer Generation produzieren. Wie ein weicher, grüner Teppich decke ich die aufgewühlte Erde zu, wenn der Bauer oder ein Wildschwein fleißig Arbeit vollrichtet haben; bin ein Pflaster, eine natürliche Mulchschicht, die sich an den Untergrund schmiegt, Wind und Regen davon abhält fruchtbaren Boden fortzutragen.

Heutzutage oft als Unkraut betitelt und undankbar ausgerissen, war ich früher hoch geschätzt: Als Heilkraut und Genuss für jedermann in der Küche. Ja in den Straßen Londons wurde ich einst bündelweise auf dem Bauernmarkt feilgeboten, landete als feines Suppengemüse im Kochtopf. Denn damals wussten die Menschen bereits, dass meine winzige Erscheinung täuschen mag, dass tatsächlich Großes in mir steckt. So robust wie ich jeder Jahreszeit und jedem wütenden Gärtner trotze, ebenso viel Lebenskraft trage ich auch in mir. Und bin ich bereit dem Menschenvolk zu schenken! Reichlich gesättigt an Vitamin C und A, seltenen Mineralien (Magnesium), Spurenelementen (Eisen, Selen) und Kieselsäure bin ich ein wahres Kraftpaket und verdiene Beachtung. Im Mittelalter wurden Breiumschläge und Salben aus mir gekocht, um Hauterkrankungen wie Krätze oder Schuppenflechte zu heilen. Im 19. Jahrhundert entdeckte Pfarrer Sebastian Kneipp meine heilenden Eigenschaften und empfahl mich als Lungenmittel, da ich eingenommen schleimlösend wirken kann. Und seitdem ebenfalls Hustendarm heiße. Auch Tierzüchter haben bereits vor langer Zeit meine Vorteile entdeckt. Ja, da wären wir wieder beim Federvieh angelangt. Kleingehäckselt wurde ich bei der Aufzucht von jungen Hühnern und Gänsen verwendet. Mein beachtlich hoher Eiweißgehalt kräftigt und fördert das Muskelwachstum. Bei manch einem Veganer, der sich nach Alternativen für seinen Proteinspeicher umschaut, mag ich jetzt Interesse geweckt haben. Darum lade ich dich ein, beim nächsten Waldspaziergang oder bei der Gartenarbeit von mir zu naschen. Ja, sogar die Singvögel der gut betuchten englischen Bevölkerung im 16. Jh. verspeisten mich als gesunde Leckerei, weshalb ich damals auch Kanarienvogelkraut genannt wurde. Doch bin ich noch viel älter, als ihr Menschen vielleicht glauben mögt. Älter als mein gewöhnlicher Name, der euch bloß an Vögel denken lässt. Mein botanischer Name Stellaria media hat einen wunderbaren Klang und gar nichts mit Gefieder zu tun. Stellaria „Sternchen“ und media „Mitte“ können zu einem märchenhaften Bild komponiert werden: In mitten von Sternen. Und genauso möchte ich gesehen werden, als ein Sternenmeer. Meine Blüten mögen für manch Einen unscheinbar, möglicherweise kaum sichtbar sein. Dieser jemand trampelt achtlos an mir vorbei oder gar über mich drüber. Doch die Wanderer, die sich Zeit nehmen im Moment zu leben, dürfen unzählig kleine weiße Sterne auf der grünen, üppigen Pracht entdecken. Und jeder Stern ist ein Mysterium, ein kleiner Kosmos für sich.